I. Rekonstruktion der Wender-Orgel in der Bachkirche in Arnstadt

Zwischen 1997 und Ende 1999 rekonstruierten wir die Wender-Orgel der Bachkirche in Arnstadt, an der Johann Sebastian Bach von 1703 - 1707 als Organist wirkte.

Der ursprüngliche Orgelbauvertrag wurde am 17.10.1699 mit dem Orgelmacher Johann Friedrich Wender aus Mühlhausen geschlossen.

Die Abnahme des Instrumentes erfolgte im Juli 1703 durch den damals 18-jährigen Johann Sebastian Bach, der in der Neuen Kirche in Arnstadt seine erste Organistenstelle antrat.

Nach dem vorliegenden Vertrag verfügte das Instrument über folgende Disposition:

Oberwerk C, D-c³                           II. Manual
     
1. Principal 8'
2. Viola di Gamba 8'
3. Quintadena 8'
4. Grobgedacktes 8'
5. Offene Quinta 6'
6. Octava 4'
7. Mixtur 4 fach (2')
8. Gemshorn 8'
9. Cymbel doppelt (1')
10. Trompete 8'
11. Tremulant  
12. Cymbelstern C-Dur
13. Cymbelstern G-Dur
Brustwerk und Positiv C,D-c³           I.Manual
     
1. Principal 4'
2. Stillgedacktes 8'
3. Spitzflöte 4'
4. Quinta 3'
5. Sesquialtera doppelt  
6. Nachthorn 4'
7. Mixtur 3 fach (1')
     
Pedalwerk C, D-c', d'
     
1. Principal 8'
2. Sub Bass 16'
3. Posaunen Bass 16'
4. Cornet Bass 2'
     
Coppeln I/II, II/P

Die Windversorgung der Orgel erfolgte über eine Keilbalganlage mit 4 Bälgen, die sich über dem Tonnengewölbe der Kirche direkt über der Orgel befand.

Die Wender-Orgel wurde ab 1862 von Hesse, Dachwig, umgebaut und auf 3 Manuale und Pedal mit 59 Registern erweitert. Die Umbauarbeiten wurden 1878 von Meißner, Gorsleben, abgeschlossen. Von der Wender-Orgel blieb die umgearbeitete Prospektfront sowie ein Teil des Pfeifenwerkes erhalten. Unter Verwendung der Spielanlage mit den Manualklaviaturen und der Pedalklaviatur einschließlich der Orgelbank wurde eine Chororgel gefertigt. Die Spielanlage der Wender-Orgel ist in leicht geänderter Form heute noch im Museum in Arnstadt erhalten.

Nachdem das erweiterte Instrument nicht den Erfordernissen entsprach, beauftragte die Kirchgemeinde am 6.März 1913 die Fa. Steinmeyer, Oettingen, mit dem Bau einer neuen "Bach-Orgel". Es entstand eine pneumatische Taschenladenorgel mit III/55 Registern. Dabei wurden 6 vorhandene Register der Wender-Orgel verwendet und 3 Register neu gefertigt. Die historische Prospektfront blieb erhalten. Im Jahr 1938 wurde die Orgel von Helfenbein, Gotha, abgebaut und auf der erhöhten 1. Empore neu aufgestellt. Die Disposition wurde dabei geringfügig barockisiert.                          

Im Rahmen der Sanierung der Bachkirche wurde die Orgel im September 1997 von uns ausgebaut und in der Oberen Kirche eingelagert. Die Teile der Wender-Orgel wurden in unsere Werkstatt transportiert. Im Vorfeld der Rekonstruktionsarbeiten wurden umfangreiche Untersuchungen an den Wender-Orgeln von St. Severi Erfurt (1714; Gehäuse erhalten), Dörna (1702 für das Brückenkloster zu Mühlhausen erbaut; hier sind das Gehäuse sowie Windladen und Trakturen erhalten) und Horsmar (1694; mit erhaltener Manualwindlade und Subbaß 16') ausgeführt.

Als die originale Spielanlage genaustens vermessen wurde, stellte man fest, daß die waagerechte Registratur über dem Notenpult nicht dem Originalzustand entsprach. In der Kirche in Dörna fanden wir eine Balgplatte, die wahrscheinlich zu der Keilbalganlage gehörte, die Wender 1724 bei seinem Orgelneubau für diese Kirche fertigte. 

Das Pfeifenwerk von Wender wurde nach den Originalsignaturen sortiert und genauestens vermessen. Alle Maße und Veränderungen wurden katalogisiert und in Mensurblätter eingetragen. Die Pfeifen wurden bei den Umbauten verschoben, die originalen Körperlängen und Fußlängen gekürzt. Mittels einer Photonen-Aktivierungsanalyse wurde eine Metallprobe der Octava 4' analysiert. Wender verwendete als Metall für die Innenpfeifen 31,97 % Zinn, 66,32% Blei, Eisen 1% und geringe Mengen von Wismut 0,1%, Antimon 0,2%, Cadmium 0,2% u.a. Die Principale wurden nach Vertrag aus 14 - lötigen (87,5%) und die Viola di Gamba 8' aus 8 - lötigen (50%) Zinn angefertigt. In dem vorhandenen Bestand wurde originales Pfeifenwerk in 10 Registern festgestellt, darunter Quinta 6' mit 1 Pfeife, Mixtur 2' mit 8 Pfeifen, außerdem waren die Prospektstöcke des Principal 4' mit Umfangrissen der Peifen versehen. In Horsmar fanden wir einen Subbaß 16', der 1694 von Wender gebaut wurde. Auch auf den Pfeifenstöcken des Principal 8' im Pedal waren teilweise noch schwache Umfangrisse erkennbar.

Der Verlauf der aufgenommenen Mensuren ermöglicht eine sehr genaue Rekonstruktion der fehlenden Pfeifen und Register. Leider kann die Stimmtonhöhe und Temperierung aus dem vorhandenen Originalbestand nicht rekonstruiert werden. Die Stimmtonhöhe wird, wie im Umfeld Wenders, bei ca. 460 Hz liegen. Zur Temperierung wissen wir nur aus einem Schreiben im Jahr 1717 von Johann Kuhnau an Johann Mattheson bezüglich der gleichschwebenden Temperierung Neidhardts, daß Silbermann und der Mühlhausener Orgelbauer Wender, wie die anderen noch viel weniger sich doch zu dergleichen Neidhardtschen exakten Temperatur nicht verstehen wollen. Dies bedeutet, daß die Orgel ungleichschwebend temperiert war.

Nach gründlichster Untersuchung aller Gehäuseteile sowie der Spielanlage wurde die Orgel konstruiert. Dabei wurden alle originalen Holzverbindungen berücksichtigt. Für die Konstruktion des Instrumentes wurde der Weimarsche Fuß mit 281,98 mm verwendet, der sich in 12 Zoll mit jeweils 12 Linien unterteilt. Aufgrund dieses Maßsystems ergaben sich überzeugende Maßverhältnisse in der gesamten Konstruktion.

Im Oktober 1998 wurde die rekonstruierte Balganlage mit 4 Keilbälgen auf den ursprünglichen Standort transportiert und dort aufgestellt. Die Falten der Bälge wurden mit Roßflechsen verbunden. Für die Balganlage auf dem Dachboden der Kirche wurde zusätzlich ein isoliertes Balghaus gebaut, damit die Bälge vor Wasser und den ständigen Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen geschützt sind.

In unserer Werkstatt wurde jedes Orgelteil auf der Basis noch erhaltener Wender-Teile aus Erfurt, Dörna und Horsmar material- und detailgetreu rekonstruiert. So wurden die Windladen aus massivem Eichenholz, Tonventile, Pfeifenstöcke und -stühle aus Linde gefertigt; die Tonkanzellen gespundet.

Die Spielanlage wurde kopiert, die Klaviatur des II. Manuals auf die ursprüngliche Weise verlängert und die Registeranlage in der ursprünglichen Bauform erstellt. Die Manual- wie die Pedalklaviatur(en) und die Orgelbank wurden maßgenau kopiert.

Die Spieltraktur mit hart gelagerten Achsen und die Registertraktur wurden in Massivholzausführung, entsprechend der Bauart Wenders, rekonstruiert; die Registerknöpfe aus Nußbaum handgedrechselt. Das Orgelgehäuse wurde nach der Rekonstruktion der veränderten Prospektfront stilgerecht rekonstruiert und, wie in St. Severi, räumlich in Hauptwerks- und Pedalgehäuse getrennt. Die Rückwand des Mittelturmes wurde ebenfalls nach vorne abgeschrägt. Ein massiver Windladenstuhl in Balkenkonstruktion trägt die Windladen und verbindet alle Orgelteile miteinander. Die Profile wurden ergänzt und verlängert, das Instrument mit einer Rückwand mit Türen und Füllungen in Massivholzbauweise mit eingegrateten Leisten versehen. Zur Pflege der Orgel wurde, in Verbindung mit dem Hauptkanal, ein solider Stimmgang mit Geländer gefertigt. 

Zwei Glockenspiele in C- und G-Dur mit jeweils 4 Schalenglocken, Windrad und Stern wurden hinter den Flachfeldern des Hauptwerkes montiert.

Nach der detailgetreuen Rekonstruktion aller Orgelteile wurde das Instrument in unserer Werkstatt komplett montiert und die technischen Funktionen überprüft und kontrolliert.

Im April 1999 erfolgte dann die Demontage und am 27.04.1999 der Transport der Orgel in die Bachkirche nach Arnstadt. Bis Juli 1999 wurde das Instrument aufgestellt, die Farbfassung ausgeführt, das Ornamentwerk vergoldet und angebracht.

Vom historischen Pfeifenwerk der Wender-Orgel waren in 15 Registern insgesamt 320 Pfeifen erhalten (Princ. 8' 1, Viola di Gamba 8' 42, Quintadena 8' 26, Grobgedackt 8' 46, Gemshorn 8' 39, Quinta 6' 1, Octava 4' 46, Mixtur 2' 18, Cymbel 1' 8, Principal 4' 1, Stillgedackt 8' 44, Nachthorn 4' 27, Quinta 3' 1, Sesquialtera 2, Mixtur 1' 18). 

Die Originalpfeifen konnten aufgrund der Signaturen und der Bauform eindeutig zugeordnet werden. Das Originalpfeifenwerk wurde vorsichtig gereinigt, nachgelötet, Körper und Pfeifenfüße wurden auf die ursprüngliche Länge gebracht. Die abgenommenen Umfangsmensuren ergaben deutliche Mensurverläufe, die es ermöglichten die fehlenden Pfeifen sowie die fehlenden Register maßgerecht zu rekonstruieren.

Der Subbaß 16' wurde in der Bauform von Horsmar rekonstruiert. Da vom originalen Zungenpfeifenwerk keine Informationen aufzufinden waren, verwendeten wir für die Register Trompete 8' und Posaunen Baß 16' die Mensuren der Herbst-Orgel von Lahm / Itzgrund (1728), für den Cornet Baß 2' die Mensur der Contius-Orgel von Abbenrode (1708). Die Zungenregister der Herbst-Orgel besitzen Schallbecher in Quintlänge. Die Trompete 8' ist 6' lang, der Posaunen Baß 16' ist 12' lang.

Praetorius schreibt "Von offenen Schnarrwercken" ....wenn es aber pralen / prangen / und gravitetisch klingen soll so muß es von 12 füssen sein... Die vorhandene Gehäusehöhe ermöglicht den Bau der 16'- und 8' - Zungenregister in der Quintlänge. Die Holzblöcke und Köpfe wurden aus Linde, die Schallbecher der Trompete und des Cornet Basses in Metall, des Posaunen Basses in Kiefer.

Die Pfeifenfüße der Metallpfeifen wurden nur gering angekulpt und die Stockbohrung konisch an jeden Pfeifenfuß angepaßt, um einen zügigen, möglichst wirbelfreien Windzustrom zu erreichen. Die originalen Pfeifenkerne zeigten kaum Veränderungen, wie Kernstiche, geänderte Kernphase usw.. So konnten wir bei der Intonation der Register bereits von einem deutlichen originalen Klangbestand ausgehen. Wir probierten die Register auf verschiedenen Winddrücken und stellten im Kirchenraum fest, daß bei einem Winddruck von 74 mm WS alle originalen Register über die gesamte Klaviatur einen gesunden und klaren Klang entwickeln.
Die Windversorgung durch 4 Spanbälge über einen Hauptkanal konnte in der Werkstatt nicht überprüft werden. Erfreut konnten wir feststellen, daß unsere Berechnungen und Überlegungen zu einem stoßfreien, lebendigen Spielwind führten, der für die Instrumente dieser Zeit als typisch bezeichnet werden kann. Der innenliegende Kanaltremulant wurde nach dem Vorbild Vocklands gebaut und erzeugt eine sanfte und deutliche Schwebung des Klanges.

Die Bälge können, nach Aufforderungen durch das Läuten des Calcantenglöckchens, von zwei Calcanten mechanisch aufgepumpt werden.

Da das Instrument mit 21 Registern für den großen Kirchenraum sehr knapp disponiert war, wurde jedes Register in allen Bereichen voll ausintoniert. Dabei wurde besonders darauf geachtet, daß im Labienbereich der originalen Pfeifen keine Veränderungen erfolgten damit der ursprüngliche Klang jeder Pfeife erhalten blieb. Die rekonstruierten Register und Einzelpfeifen wurden klanglich in den Bestand eingefügt. Jedes Register zeichnet sich durch eine eigene, charakteristische Klangfarbe aus. Die Verschmelzungsfähigkeit der Klangfarben der einzelnen Register untereinander wurde durch die Intonation und die Stellung des Pfeifenwerkes auf den Windladen optimiert. Bedingt durch die geringe Gehäusetiefe wurde eine gute Reflexion des Klanges erzielt.

Die Tonhöhe wurde auf 465 Hz/18°C festgelegt und eine, Johann Friedrich Wender nachempfundene, ungleichschwebende, wohltemperierte Stimmung mit 7 reinen und 5 temperierten Quinten angelegt.

Die Klarheit, Gravität und vielfältige Farbigkeit des Orgelklanges waren der Lohn an alle Beteiligten für intensives Forschen und detailgetreues Nachbilden, um diese komplexe Rekonstruktion zu einem individuellen Instrument werden zu lassen, das in jeder Beziehung dem Originalinstrument von Johann Friedrich Wender weitestgehend angenähert wurde und heute mit sehr großer Wahrscheinlichkeit so wiedererstanden ist und klingt, wie es im Jahr 1703 von Johann Sebastian Bach geprüft und abgenommen wurde.